Leben mit Depressionen – Tiefpunkt

Da bin ich nun. Ganz unten. Gefühlt zu nichts mehr fähig und völlig überfordert. Gestern bin ich überhaupt nicht mehr aus meinem Bett rausgekommen. Keine Energie mehr. Nun quäle ich mich zudem mit einem furchtbar schlechten Gewissen, weil mein Mann gerne mal rausgegangen wäre, wenigstens für ein Stündchen. Als ich dann abends meine Tabletten für die Nacht genommen habe, ist er dann alleine nochmal um den Block gegangen. 

Ich habe das Gefühl, dass ich ihn mit in den Abgrund ziehe. Heute muss er wieder arbeiten, sein Urlaub ist vorbei, und er hat nichts davon gehabt. Außer Tausenden von Kilometern Familienpflichten und einer heulenden Frau, die seine Geduld wahrscheinlich außerordentlich strapaziert hat. Ich bin nicht gut für ihn. Ich bin für niemanden gut. Nicht einmal für mich selber. 

Heute wird ein schwerer Tag für mich. Ich muss nachher zum Kardiologen. Den Termin habe ich schon einmal verschoben und habe tatsächlich Angst, ihn noch einmal zu verschieben. Ja, richtig gelesen – ich habe Angst, einen Arzttermin zu verschieben. Man könnte ja böse auf mich sein. Wie soll ich auch erklären, warum ich schon wieder nicht kommen kann? 

Außerdem muss ich dringend ein paar Rezepte beim Hausarzt holen. Dann ins Sportstudio, meinen Vertrag unterbrechen, weil ich schon lange nicht mehr da war. Erst Nierenkoliken, dann Nierenbeckenentzündung und jetzt die Depression. Warum kann man sowas nicht einfach per Email regeln? Ich will nicht sprechen und mich erklären müssen. Mich zeigen und den Gedanken der Leute aussetzen, die wahrscheinlich immer gleich lauten. „Die sieht doch völlig gesund aus.“ 

Heute Abend muss ich dann noch mit dem Auto in die Waschanlage und es dann in die Werkstatt bringen, weil morgen die Inspektion ansteht. Leihwagen abholen. Nach Hause kommen, um meinem Mann immer noch kein anderes Gesicht präsentieren zu können. 

Ab nächster Woche bin ich für fünf Wochen bei meinem Sohn, weil ich ihn auf sein Staatsexamen als Physiotherapeut vorbereite. Dann nochmal zwei Wochen Urlaub mit meinem Mann. Und dann nochmal fünf Wochen mit dem Junior pauken. Das wird mir zwar Struktur geben und mich aus meiner Gedankenspirale ziehen und auch Spaß machen, denn ich habe auch eine umfassende medizinische Ausbildung und die Materie liebe ich einfach. Aber im Moment liegt alles wie ein Berg vor mir und ich weiß nicht einmal, wie ich den heutigen Tag bewältigen soll. 

Der Mixer in meinem Kopf arbeitet ohne Pause und beschäftigt sich immer wieder mit der Frage, ob es nicht für alle Beteiligten besser wäre, wenn ich nicht mehr da wäre. Wenn es mich nie gegeben hätte. Wenn es mich einfach nie gegeben hätte… 

Leben mit Depressionen – Restlos überfordert 

Nun sollte ich eigentlich schon längst schlafen, damit wenigstens ein paar Stunden zusammenkommen. In den letzten Tagen wache ich immer sehr früh auf, obwohl ich mir inzwischen Beruhigungsmittel in Höchstdosen reinpfeife – neben dem schweren Schlafmittel natürlich. Aber ich habe jetzt das Bedürfnis, noch kurz über die letzten Tage und heute zu berichten. Irgendwie hilft es, das alles zu sortieren. 

Am Dienstag sind also unsere Kids wieder abgereist. Mittwoch sind wir, nach einer schlaflosen Nacht, zu meinem Vater ins Saarland gefahren (280 km) und abends wieder zurück. Ich wollte das so, weil ich in der Vergangenheit große Probleme mit meinem Vater hatte und es nicht mehr über mich bringe, dort zu schlafen. Auf jeden Fall hatte ich auf dem gesamten Hinweg Panik – er war sehr lieb und ich habe langsam das Gefühl, dass sich die Angst einfach verselbständigt hat. Wir waren in der Klinik und er hat Glück, dass er nicht an die Dialyse muss. Bin wirklich erleichtert. 

Um Mitternacht sind wir glücklich zu Hause gelandet und waren froh, in unserem eigenen Bett schlafen zu können. Donnerstag Morgen ging es mir wieder superschlecht und dann kam auch noch  die Frage auf, wann wir denn in den verbleibenden 6 Urlaubstagen nach Sachsen-Anhalt (560 km) zur Schwiegermutter fahren. Das sind aufgrund der Entfernung immer drei Tage und ich bin an diesem Punkt nervlich regelrecht zusammengebrochen. 

Ein nicht Depressiver kann sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie extrem überfordert sich ein Mensch mit Depressionen gerade am Morgen fühlt. Sofort waren meine fast ständigen Begleiter, die Selbstmordgedanken wieder da, um mir einfach nur Ruhe zu versprechen. 

Es ist mir fast unmöglich, das Haus zu verlassen – ich komme kaum vor dem Mittag aus dem Bett und manchmal sogar überhaupt nicht. In gesunden Phasen bin ich fröhlicher Frühaufsteher und bekomme richtig was geschafft, zumindest am Vormittag. Ich bin überhaupt kein Morgenmuffel. 

Was für mich jedoch ganz wichtig ist, sind meine täglichen Abläufe und Routinen, vor allem in meinem eigenen Tempo. Nach vielen Wochen, in denen diese Abläufe durch Besuche oder Fahrten zu den Eltern gestört wurden, bin ich jetzt einfach nicht mehr in der Lage, noch weitere Tage damit zu verbringen, mich an komplett andere Abläufe anzupassen. Und das vor allem in für mich unvorstellbarem Tempo. Man glaubt ja gar nicht, wieviel Energie Menschen aufbringen können, um zu ganz bestimmten Uhrzeiten zu essen – und welche absurden Formen das annehmen kann, wenn zwischen 12 Uhr Mittagessen und spätestens 18 Uhr Abendessen auch noch Kaffee und Kuchen liegen und es nicht in Frage kommt, das Abendessen einfach nach hinten zu verschieben. Im Notfall muss man den Kuchen inhalieren, damit der Tisch rechtzeitig umgedeckt ist. 

Daran sehe ich natürlich, dass auch nicht Depressive ihre Abläufe haben, die ich ebenfalls respektieren muss. Aber durch meine Krankheit sind diese im Moment einfach nicht mit meinen kompatibel. Nachdem ich den ganzen Vormittag dann heulend darüber nachgedacht habe, wie ich das auf die Reihe bekomme, habe ich schließlich entschieden, dass ich hierbleibe. In meinem sicheren Nest. Mein Mann ist dann alleine gefahren, damit wir diesen Besuch erstmal erledigt bekommen und natürlich auch, weil er ja auch hinfahren musste. 

Hätten wir den Besuch auf nächste Woche verschoben, hätte ich heute schon sagen können, dass das schief geht. Denn dann hätte ich diese Fahrt die ganze Zeit als Druck im Nacken gehabt und unter dieser Last hätte ich keine Chance auf Besserung gehabt. 

Okay, jetzt fühle ich mich etwas druckbefreit. Habe allerdings ein grottenschlechtes Gewissen meinem lieben Mann und seiner Mutter gegenüber, die beide sehr verständnisvoll reagiert haben. Mein armer Mann hatte so eine beschissene Fahrt, weil ich mich erst mittags entschieden habe. Er hat neun Stunden im Freitags- und Ferienendeverkehr gebraucht. Außerdem vermisse ich ihn furchtbar und hab natürlich auch Angst, dass ihm auf der Rückfahrt am Sonntag etwas passieren könnte. 

Und spätestens hier wird das Dilemma klar – irgendwie bin ich momentan nicht in der Lage, irgendetwas richtig zu entscheiden. Eigentlich bin ich nicht einmal in der Lage, überhaupt Entscheidungen zu treffen. Weil ich das Gefühl habe, dass alles falsch ist, was ich momentan entscheide, aber in jeder Richtung. 

Ich heule jetzt noch ein wenig rum, weil mein Schatz heute Nacht nicht bei mir sein kann. Weil ich ihn weggeschickt habe. Weil ich mich nicht zusammenreißen kann. Weil ich durch Watte denke und durch Blei wate. Weil ich bin, wie ich bin. Und weil ich nicht weiß, wie ich meine restlichen Lebensjahre noch aushalten soll, wenn die Depressionen immer wiederkommen. Es könnten noch 20 Jahre werden, wenn nichts dazwischen kommt. Ich habe Angst. 

Leben mit Depressionen – Warum schlafen, wenn man auch grübeln kann? 

Wieder eine Nacht, in der ich aufgewacht bin und einfach nicht mehr einschlafen kann. Nach einer Stunde habe ich ein weiteres Benzo genommen. Ein Elefant würde schlafen, hätte er meinen Cocktail intus.

Ich versuche etwas zu lesen, bis mir die Augen zuklappen. Abgesehen davon, dass ich mir überhaupt nichts von dem, was ich lese, merken kann, gehen zwar immer wieder die Deckel runter, aber dann – Hurra! – geht das Kopfkino an und es wird so laut in meinem Oberstübchen, dass ich ganz schnell die Augen wieder aufreiße und versuche, weiterzulesen, nachdem ich noch einmal ein paar Seiten zurückgeschlagen habe.

Neben mir schnorchelt leise mein Mann und ich fühle mich, trotz seiner hör- und fühlbaren Nähe, so schrecklich einsam. Und dabei so furchtbar unter Druck.

Welcher Druck eigentlich? Es gibt hier nur einen Menschen, der mich unter Druck setzt, und das bin ich. Es fängt mit dem Druck an, wieder einschlafen zu müssen, damit ich heute nicht noch müder bin, als gestern. Gestern konnte ich schon nicht mitgehen, als mein Mann und die Kinder eine Bergwanderung gemacht haben. Heute möchte mein Stiefsohn sich ein paar Klamotten für die Arbeit in einem nahe gelegenen Outletcenter kaufen. Ich wollte da unbedingt mitfahren. Dies ist heute der letzte Tag mit den Kindern. Sie fahren morgen weiter nach Österreich. Und ich? Habe schlicht Angst davor, den Tag nicht zu schaffen.

Bin mittlerweile aufgestanden, hab ein Müsli gegessen und einen Milchkaffee getrunken, mehr Milch, als Kaffee. Als ich die Treppe runterschlich, hatte ich das Gefühl, dass meine Beine unter mir nachgeben. Ich kann seit Tagen kaum noch stehen. Von Bewegungen, die schneller sind, als Zeitlupe, ganz zu schweigen.

Das ist auch Depression. Es ist nicht nur ein Gefühl der Überforderung. Es ist auch eine so schwere körperliche Einschränkung, dass man tatsächlich von den einfachsten Handlungen überfordert IST. Mein Neurologe hat mir erklärt, dass es nicht nur ein Mangel an Serotonin und ein allgemeines Ungleichgewicht der Neurotransmitter ist. Es fehlt auch an Melatonin, daher die Schlaflosigkeit, und an Dopamin – das ist ein ganz wichtiger Punkt. Dopamin ist nicht nur im sogenannten Belohnungszentrum des Hirns aktiv, sondern auch ein maßgeblicher Transmitter im Bewegungszentrum des Gehirns (Anm.: Parkinson entsteht durch einen massiven Dopaminmangel, ausgelöst durch den Untergang der dopaminbildenden Zellen der sogenannten Substantia nigra im Gehirn). Das erklärt wenigstens, warum mir jede Bewegung so schwer fällt.

Und dennoch ist es inakzeptabel. Für meine Familie (bis auf meinen Vater) und die paar verbliebenen Freunde nicht. Aber für mich. Ich will, kann aber nicht. Wäre es umgekehrt, könnte ich mich tatsächlich zusammenreißen, wie das ja gerne von uns Depressiven gefordert wird. Von Menschen mit sichtbaren Erkrankungen verlangt das keiner. Ich meine, mit RICHTIG sichtbaren Erkrankungen. Da müssen mindestens eine Glatze, blutende Schleimhäute und ein extremer Gewichtsverlust her. Wer näher hinsieht und mich gut kennt, kann mir schon einige Zeit, bevor ich es selber merke, ansehen, das eine Depression im Anmarsch ist. Denn man kann es deutlich an, um und in meinen Augen sehen. Wenn man WIRKLICH hinsieht.

Das ist meines Erachtens auch ein Hauptgrund dafür, dass sich Depressive oft gegenseitig erkennen, auch wenn sie sich vorher noch nie begegnet sind. Man sieht es in den Augen. Und man kann es irgendwie auch spüren. Als würden sich Seelen erkennen.

Mittlerweile ist es 5.30 Uhr und es wird langsam hell. Je heller es draußen wird, desto deutlicher sehe ich die Anforderungen des Tages auf mich zurollen. Im gleichen Verhältnis nimmt die Dunkelheit in mir zu.

Ich möchte weinen, bin aber langsam an dem Punkt, wo auch das nicht mehr geht. Das Weinen wird irgendwann durch eine innerliche Starre ersetzt. Und bald kommt das Nichtmehrfühlenkönnen. Das klingt, als ob es dann wenigstens nicht mehr weh tut.

Ist aber nicht so. Dann fliegt man einfach nur noch taub durch ein lautes Universum, man sieht das Leben, aber das war es auch schon.

Fühlen kann man es nicht.

Leben mit Depressionen – Bleischwer und ohne Ausweg

Heute ist mein Stiefsohn mit seiner Freundin zu Besuch gekommen. Ein Besuch, auf den wir uns schon lange freuen, weil wir die Kinder eben nicht mehr so oft sehen können, seit wir im letzten Jahr in den Süden des Landes haben umziehen müssen. 

Es macht mich so wütend und so traurig, dass ich inzwischen in meiner „Bleischwerphase“ der Depression angekommen bin. Die Kinder sind da und endlich ist wieder Leben in der Bude. Und was mache ich? Habe gerade noch unter größten Mühen fertiggebracht, ein einfaches Abendessen zu kochen. Kann mich kaum bewegen. Ich merke sogar selber, dass ich kaum noch Mimik habe. 

Seit Tagen bricht immer wieder die Verzweiflung über mich herein. Meine Gedanken kreisen nur noch darum, wie ich mich am schnellsten und effektivsten um die Ecke bringen kann. Heute Nacht bin ich um 1.30 Uhr aufgewacht – mit dem Entschluss, mich am Treppengeländer aufzuhängen. Sofort. Habe mich aus dem Schlafzimmer geschlichen und nach dem Seil gesucht, welches mein Mann am Abend vorher weggeräumt und offensichtlich versteckt hatte.  Ich habe es nicht gefunden. 

Schon wieder musste ich heulen. Ich heule nur noch. Ich hab mich wieder ins Bett gelegt und mich dann am Arm meines schlafenden Mannes festgehalten. Irgendwann bin ich wieder eingeschlafen, aber immer wieder hochgeschreckt, weil ich schreckliche Albträume hatte. Was soll das nur werden? Es fühlt sich so an, als würde es niemals aufhören. 

Am Dienstag müssen die Kinder wieder fahren. Am Mittwoch packen wir wieder unsere Sachen und fahren zu meinem Vater. Seine Nieren versagen und es geht ihm saudreckig. Er hat einen Termin im Dialysezentrum, hat mir aber schon gesagt, dass eine Dialyse für ihn keinesfalls in Frage kommt. Ich habe Angst, dass er stirbt. Während ich noch in Blei herumwate und wirklich für nix mehr Kraft aufbringen kann. Ich halte alleine den Gedanken nicht aus. 

Schwiegermutter liegt auch noch im Krankenhaus. Da müssen wir auch noch hin. Und dann ist unser Urlaub auch schon wieder vorbei. Unser Urlaub in Blei. Getränkt mit Kummer, Sorgen, einem Knoten im Kopf und immer wieder diesen Gedanken… 

Ob es wirklich so ist, dass man nach einem Suizid wiedergeboren wird und im neuen Leben wieder durch die gleichen Probleme muss? Weil man seine Aufgabe hier nicht erfüllt hat? Heißt das, man kann seinem Schicksal wirklich nicht entrinnen? Das hieße, dass es den Ausweg, den ich als Kind schon in in der Hinterhand hatte, gar nicht gibt. Ergo: Es. Gibt. Keinen. Ausweg. 

Leben mit Depressionen – Listen schreiben II 

Kurz nach Veröffentlichung von „Listen schreiben“ ist das passiert, was ich meine – etwas völlig Unvorhergesehenes, nicht Planbares, was dazu führt, dass irgendwie alles bei mir durcheinander wirbelt. 

Am Samstag wollten wir nach langer Zeit mal wieder Wandern gehen. Nicht weit, keine zu großen Anforderungen, denn es hatte mich schon genug Kraft gekostet, überhaupt aufzustehen. Mein armer Mann hat sich viel Mühe geben müssen, damit ich mich darauf einließ. Um 14 Uhr saßen wir dann endlich im Auto. 

Kaum waren wir auf dem Wanderparkplatz angekommen, ging das Telefon. Meine Schwiegermutter war ins Krankenhaus gekommen. Wir sind sofort nach Hause gefahren, haben das Nötigste gepackt und uns auf die 560 km lange Fahrt nach Sachsen-Anhalt gemacht. Am nächsten Tag dann wieder zurück. Mein Mann hat ab Donnerstag Urlaub und wir werden am Mittwoch Abend dann wieder hinfahren. Am Samstag kommt unser Sohn mit seiner Freundin zu Besuch. Sie bleiben bis Dienstag und danach geht es wahrscheinlich mit einem unserer Elternteile weiter. 

Ich sitze hier und heule, es ist noch so viel zu tun, weil wir wochenlang zu nichts gekommen sind. Heute hilft mir keine Liste und die Verlockung, dem Ganzen endlich ein Ende zu setzen, ist so groß, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, nebenan bei meiner wirklich lieben Vermieterin zu klingeln und sie zu bitten, mich ins Krankenhaus zu fahren. 

Es sind ja alles Menschen, die wir lieben und für die wir alles tun würden, aber ich habe seit Monaten das Gefühl, kein eigenes Leben zu führen. Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich das noch nie wirklich. 

Das ist eben diese verfluchte Depression. Sie macht es mir unmöglich, mal auf Dauer zuverlässig zu funktionieren. Ich lebe, wie hinter einer Plexiglasscheibe. Irgendwie da, aber eben auch nur irgendwie. Dabei, aber auch irgendwie allein, weil ich in dem Zimmer hinter dieser Scheibe ganz einsam sitze – egal, wie viele Menschen mich umgeben. Niemand kann hier rein und ich werde es niemals wirklich nach draußen schaffen, weil meine Welt einfach eine völlig andere ist. 

So einfach schafft es das Leben, meine Listen zu durchkreuzen und mir das Gefühl zu geben, ich habe nichts im Griff. Gar nichts. 

Leben mit Depressionen – Wann hat das eigentlich angefangen? 

Meine erste bewusste Erinnerung ist ANGST. Ich weiß nicht, wie alt ich war, sehe mich aber noch als kleines Kind ängstlich unter dem Esstisch meiner Großeltern hocken. Meine Eltern mussten in den ersten vier Jahren meines Lebens beide ganztags arbeiten. Daher wurden meine zwei Jahre ältere Schwester und ich unter der Woche auf die beiden Großelternpaare „aufgeteilt“ und am Wochenende dann nach Hause geholt. In den 60er Jahren waren die Leute ja noch nicht so mobil und daher gab es keine andere Möglichkeit. 

Ich landete bei den Eltern meiner Mutter. Ich liebte sie sehr und war auch gerne dort. Sie hatten einen großen Garten und waren sehr lieb. Und dennoch – mein Opa war mir nicht geheuer. Er war lieb, aber grimassierte viel und sprach total komisch. Außerdem zuckten seine Arme immer wild herum und er ging komisch. Das machte mir Angst, zumal es tendenziell zunahm und ich es nicht einschätzen konnte. Viel später sollten wir erfahren, dass er unter einer sehr schweren und seltenen Krankheit litt, die uns noch sehr lange und intensiv beschäftigen würde. Auf jeden Fall wollte ich irgendwann nicht mehr so gerne dort sein und weinte immer, wenn das Wochenende vorbei war. 

Als ich vier Jahre alt wurde zogen meine Eltern mit uns in ein schönes Haus in einem schönen Kölner Vorort und meine Mutter musste ab diesem Zeitpunkt nicht mehr arbeiten. Ich war sehr glücklich darüber. Mit vier Jahren setzen auch meine bewussten Erinnerungen ein, so dass ich ab diesem Zeitpunkt auch zusammenhängende Erinnerungen habe. 

Mein Vater war sehr streng. Er war Offizier bei der Bundeswehr und hatte relativ schnell eine hohe Position im Verteidigungsministerium in Bonn inne. Wenn man von außen draufsah, hatten wir alles – ein tolles Haus, die schönsten Spielsachen, zwei Autos (meine Mutter war damals eine der wenigen Frauen, die überhaupt Auto gefahren sind), jedes Jahr ein Urlaub in Italien, Österreich oder der Schweiz, zwei blendend aussehende Eltern, um die uns alle beneideten. Und wir beiden Schwestern verstanden uns, auch wenn wir uns naturgemäß oft gekloppt haben. Außerdem hatten wir einen kleinen Hund, einen Pudelmix, den wir alle sehr geliebt haben. 

Die Bilderbuchfamilie wurde allerdings von meinem Vater mit strenger Hand geführt und wir litten alle darunter. Tagsüber war alles toll, meine Mutter war total lieb und klasse. Wenn er dann nach Hause kam, war alles anders. Wir mussten „antreten“, um Hausaufgaben zu zeigen und durften „wegtreten“, wenn alles okay war. Mit „okay“ meine ich 150%ig richtig, sauber geschrieben, schöne Handschrift, keine Eselsohren etc. Wehe, ihm gefiel etwas nicht – neben anbrüllen und erneutem „Antreten“ für eine Tracht Prügel, die sich echt gewaschen hatte (mein Vater war 1,94 m groß und ziemlich stark – und das in Verbindung mit Jähzorn bzw. rasender Wut…) durften wir sogar für ein fehlendes Komma alles neu schreiben. Nie war ihm alles recht, immer gab es was zu beanstanden. Und meine Schwester und ich waren Einserschülerinnen. Nur in „Schrift“ hatte ich eine 4, es fällt mir heute noch schwer, ordentlich und schön zu schreiben. Wieviele Nächte habe ich immer und immer wieder neu schreiben müssen.

Naja, seit ich denken kann, also auch schon in der Vorschulzeit, hatte ich Angst vor meinem Vater und verspürte, genau wie meine Mutter und meine Schwester auch, immerzu Angst, etwas nicht perfekt genug oder gar bei irgendwas einen Fehler zu machen, wobei die Bewertung durch meinen Vater oft auch sehr willkürlich war. Am wichtigsten war ihm, wie die Familie nach außen aussah – wie es uns ging, war ihm dabei völlig egal. 

Ich war nie glücklich und habe mich nie sicher gefühlt. Ich habe schon mit vier Jahren gedacht, wenn ich es nicht mehr aushalte, kann ich mich ja immer noch umbringen. Ich bin ja eh nichts wert. Das ging soweit, dass ich fast jede Nacht davon geträumt habe, irgendwo runterzuspringen. Ich hatte Angst und bin auch oft schreiend aufgewacht. Aber ich wusste immer, dass ich im Traum mit Absicht aus großer Höhe irgendwo runtersprang. Und nicht fiel. 

So setzte sich in mir mehr und mehr der Suizid als Lösungsmöglichkeit in den Sinn. Ich hatte ja auch als Kind gar keine große Auswahl an Möglichkeiten. Aber das sollte erst der Anfang meiner depressiven Karriere sein, auch wenn ich damals dachte, dass es ja nicht mehr schlimmer werden könne. 

Leben mit Depressionen – Listen schreiben 

Nun dümpele ich schon seit Tagen mehr oder weniger vor mich hin und bekomme nichts Vernünftiges auf die Reihe. Heute fiel mir dann auf, dass ich einer Angewohnheit in den letzten Wochen nicht mehr nachgegangen bin. Eine Angewohnheit, die mir während meiner depressiven Phasen und auch dazwischen sehr gute Dienste geleistet hat: Listen schreiben. 

Während eines meiner zahlreichen Aufenthalte in Rehakliniken wurde mir von einer Psychologin dieser Tipp gegeben. Ich kaufe mir am Anfang eines Jahres einen schönen großen Kalender, wo ich viel Platz zum Schreiben habe. Inzwischen bin ich bei Din A4 angelangt. Wichtig ist, dass ich jeweils eine komplette Wochenübersicht habe. Dann notiere ich mir immer für eine Woche im Voraus, was ich an Verpflichtungen, Terminen und Hausarbeit habe. Die Hausarbeit schreibe ich mir wirklich in einzelne Tätigkeiten unterteilt auf. 

Was bringt mir das? Es bringt zum Einen Struktur in jeden Tag. Es gibt mir das Gefühl, dass ich den Überblick behalte, da ich mich schnell überfordert fühle, wenn Dinge erledigt werden müssen. Es gibt mir das Gefühl, etwas zu schaffen, weil ich alles, was erledigt ist, durchstreiche. Wenn ich nicht alles geschafft habe, übertrage ich den Rest auf die anderen Tage der entsprechenden Woche, so dass mir nichts durchgeht. Damit das möglich ist, darf ich natürlich nie zu viel an den einzelnen Tagen in der Liste stehen haben. 

Das funktioniert ganz gut. Irgendwie habe ich das schleifen lassen, weil wir in der letzten Zeit viel Besuch hatten und ich in solchen Zeiten  einen anderen Fokus habe und mich nur noch auf den Besuch einstelle. Und jetzt merke ich, dass in meinem Hirn ganz viel herumwabert, was ich eigentlich noch machen muss. Schon ist die Überforderung da und es geht gar nichts mehr. 

Struktur ist für mich das A und O bei meiner Krankheit. Vor allem darf kein Zeitdruck entstehen, dann fällt mir alles aus der Hand und ich renne in zwei Richtungen gleichzeitig. Auch dafür sind die Listen gut, weil ich mir die Zeit so einteile, dass ich in meinem Tempo bleiben kann. Das klappt nicht immer, weil von außen ja auch Unvorhergesehenes reinkommen kann. Aber es klappt besser, damit umzugehen, wenn ich dann einfach etwas von meiner Tagesliste verschiebe. 

Ich hänge inzwischen schon ganz schön durch, werde aber jetzt meinen Kalender in die Hand nehmen und versuchen, mir die kommende Woche zu strukturieren, um wieder irgendwie aufs Gleis zu kommen. Nicht einfach, denn am nächsten Wochenende kommt wieder für vier Tage Besuch. 

Das ist an vielen Wochenenden so, auch manchmal unter der Woche, denn wir mussten aus beruflichen Gründen meines Mannes  vor einem Jahr von Köln aus in den Süden Deutschlands ziehen. Wir haben drei erwachsene Kinder mit Partnern sowie zwei Nichten, meine Schwester und einige Freunde in NRW wohnen. Außerdem eine schwer kranke Schwiegermutter in Sachsen-Anhalt und einen schwer kranken Vater im Saarland. Beide verwitwet und ohne neuen Partner. 

Wir sind also entweder an den Wochenenden unterwegs und kümmern uns um Eltern oder Kinder oder aber die Kinder kommen zu uns. In der Regel nie zusammen, weil sie entweder arbeiten oder studieren und ihre Pläne kaum auf einen gemeinsamen Termin bringen können, da ja auch noch unsere Schwiegerkinder berücksichtigt werden müssen. Dadurch sind tatsächlich im Schnitt drei von vier Wochenenden im Monat nicht „normal“ für unseren Alltag. Es war früher einfacher, weil es eben nicht den Besuchscharakter hatte, sondern eben Alltag war. Außerdem waren die Strecken zu unseren Eltern viel kürzer. 

Nichts davon will ich missen, denn ich bin ein echter Familienmensch. Und deshalb muss ich erst recht auf meine Überlebensstrategien zurückgreifen. Ein gesunder Mensch wuppt das alles mit Links. Und so merke ich an vielen Ecken, dass ich eben nicht gesund bin und dass kleine Änderungen an meinen Gewohnheiten, die mir über jeden neuen Tag helfen, sehr schnell zu Problemen führen können. 

Klingt unflexibel. Ist es auch. Ich BIN durch meine Krankheit unflexibel geworden und finde das ziemlich doof. Allerdings schaffe ich mir mit ein wenig Disziplin durch die Listen dennoch eine gewisse Flexibilität, die ich ohne sie gar nicht mehr hätte. Und auch in einer Depressionsphase habe ich dann wenigstens ab und an ein Erfolgserlebnis. Und wenn ich nur das Wörtchen „Duschen“ durchstreichen kann. Das ist dann immerhin mehr, als nichts. 

Denn wenn der depressive Teil meiner Selbst die Kontrolle über mich hat, ist sogar das tägliche Duschen eine überwältigende und fast unmögliche Herausforderung für mich.